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Letzte Änderung / Last update: 2026-Sep-16

Lerntempo

Wie bei anderen Texten muss ich hier vorausschicken, dass Sie hier keine wissenschaftlich fundierte Studie erwartet. Es sind einfache Beobachtungen, die ich in meinen frühen, aber auch späteren Lernphasen gemacht habe und die ich mutig verallgemeinere.


Nichts überhasten

Es geht mir um das Lerntempo. Mein Eindruck ist, dass man es damit nicht übertreiben sollte. Heute höre ich von Ansprüchen, dass Kinder schon im Kindergarten lesen und womöglich auch gleich schreiben lernen sollen. Das lief bei mir aber total anders, siehe unten, und im Endresultat halte ich mich für ziemlich gut ausgebildet.

Ich erinnere mich deutlich daran, wie ich die ersten Zahlen lernte, von 1 bis 12 anhand eines Weckers mit schön großem Zifferblatt. Irgendwie wurde das dann auch gleich erweitert bis zur Zahl 20. Da fühlte ich mich aber komplett ausgelastet und habe mich kategorisch geweigert, dann auch noch den eigentlich einfachen Schritt zu einundzwanzig, zweiundzwanzig usw. zu machen. Das hatte Zeit bis später. So konnte sich das bisher Gelernte ruhig setzen, bevor es von noch mehr Stoff womöglich überlastet worden wäre.

Etwas später fing es an, dass ich ein bisschen die Logik von Zusammenhängen zu verstehen begann. Aber dann war damals gerade ein Lied namens "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren" oft im Radio zu hören (noch kein Fernsehen bei uns damals!) und ich dachte aufgrund meiner allerersten Gesundheitskenntnisse "huch, da ist man doch tot?" Dass das eine Redensart ist, die man nicht wörtlich nehmen darf, war mir da noch kein Begriff. Aber irgendwann später habe ich sowas halt auch gelernt.

Mir wurden öfters Bilderbücher vorgelesen, wie es halt üblich war. Niemand verlangte von mir, dass ich den Text vielleicht selbst mitlesen möge. Hauptsache, ich verstand, worum es geht, das war schon genug Herausforderung. Es gab null Ansatz, mit Lesen eher anzufangen. Erst in der Schule ging es damit los, und wir haben das von Grund auf gelernt, und das hat dann auch funktioniert.

Auch später habe ich Phasen erlebt, wo sich mir etwas nicht sofort erschloss und ich erstmal eine Pause einlegen musste. Ein Beispiel war das Buch zum Lernen von Algol-Programmieren und dort die Unterscheidung zwischen formalen und aktuellen Prozedur-Parametern. Das war mir im ersten Augenblick zu hoch. Da ich das Buch sowieso ohne jeden Zeitdruck in den Ferien lies, konnte ich es einfach erstmal beiseite legen. Mit der Zeit löste sich dann der Knoten in meinem Hirn, und ich konnte den Rest des Buches fast in einem Rutsch durcharbeiten.

Und einige Zeit später arbeitete ich dann an dem ersten Commodore PET im Physik-Institut. Den programmierte man im ersten Anlauf im eingebauten Basic, damit funktionierte es schon mal prinzipiell. Ich wusste, dass man diese Geräte auch direkt in Maschinensprache bzw. Assembler programmieren konnte, also mit den Bits sozusagen einzeln herumfummeln konnte. Das war mir aber zunächst zu kryptisch, und ich war froh, dass ich überhaupt etwas zustande bringen konnte. Aber dann hatte ich dieses eine Problem, wo das Basic einfach zu langsam war. Das habe ich dann doch als Anlass genommen, mich auch mit der Maschinensprache zu beschäftigen. Zunächst arg unbeholfen, aber da lernte man dann halt nach der Devise "learning by doing", und dann wurde es immer manierlicher.


Aber in extremen Umständen ...

Andererseits habe ich an anderer Stelle beschrieben, wie ich an einem einzigen Abend die komplette Differentialrechnung und ein Großteil der Integralrechnung lernen musste. Das war schon extrem anstrengend, aber machbar, da der kompetente Lehrer alles logisch aufeinander aufbauend darstellen konnte. Das wird man aber wohl kaum als alltägliche Routine empfehlen können.


Abgesehen vom Tempo, was kann man überhaupt lernen?

Mit "lernen" meine ich hiermit die Sachen, die man fest in seine Grunddisposition einbauen kann, was dann in jeder Situation ohne Nachdenken sofort zur Verfügung steht. Das im Gegensatz zu Sachen, die man sich jedes Mal erst wieder vor Augen führen und mühsam in die aktuelle Situation einordnen muss.

Wenn Sie sich weiter fragen, wovon ich hier überhaupt rede, mein Standard-Beispiel: die Unterscheidung zwischen Norden und Süden und andererseits die zwischen Ost und West. Norden und Süden ist bei mir fest eingebaut, kein Nachdenken nötig: Norden ist oben und Süden unten, Bauchgefühl, fertig. Bei Osten und Westen ist das zumindest bei mir ganz anders: Da muss ich mir jedes Mal eine Karte vor Augen führen, wo Westen dann links ist und Osten rechts. Das aber immer und immer wieder neu mit einem zusätzlichen Schritt des Überlegens. Obwohl mir das seit Jahrzehnten bewusst ist, ändert sich das einfach nicht, auch bei häufigem Vorkommen. Das will sich einfach nicht in diese Grundausstattung einbauen. Seltsam.

Dazu habe ich weiterhin keinerlei Erklärung. Es bleibt seltsam. Ich habe aber den Verdacht, dass solche Art der Unterscheidung, was man aus dem Handgelenk oder dem Bauchgefühl parat hat und was dagegen umständlicher Überlegung bedarf, auch allgemein für ein Merkmal von individuellen Fähigkeiten und Neigungen verantwortlich ist:

Was ich auch aus dem Handgelenk beherrsche, ist die Einordnung von Zahlenwerten, was ist viel, was ist weniger. Andere Leute haben anscheinend genau an dieser Stelle so eine Stolperfalle eingebaut wie ich bei Ost/West und haben in der Folge riesige Schwierigkeiten bei allen Formen des Rechnens. Und es gibt bestimmt eine Menge weiterer Aspekte, die je nach individueller Ausprägung zu bestimmten Alltagsproblemen führen können.

Das könnte auch eine Rolle spielen, wozu Auswendiglernen gut ist. Wenn ich diverse Basisfakten ohne Nachdenken parat habe, erspare ich mir eine Stufe des inneren Nachschlagens. Ich brauche mich um diese Basisfakten nicht groß zu kümmern, sondern kann mich auf den großen Zusammenhang, den Überblick konzentrieren. Daraus kann ich dann leicht die Lösung meines aktuellen Problems ersehen. Wenn ich das aber nicht so parat habe, muss ich eine Stufe vorher schon viel Gehirnschmalz investieren, um überhaupt anzufangen, diesen Überblick zu gewinnen. Dann bleibt nicht mehr so viel Kapazität übrig, darüber hinaus auch noch eine Lösung zu erarbeiten. So stelle ich mir die Schwierigkeiten von Leuten vor, die mit Rechtschreibung, mit Grammatik oder mit Rechnen kämpfen.


Fazit

Was soll uns das nun lehren? Dass man das Lerntempo vielleicht nicht übertreiben sollte und das auch meist nicht zu tun braucht. Wenn man erst weiter fortschreitet, wenn man die vorhergehenden Schritte wirklich verarbeitet, gespeichert und sich angeeignet hat, dann kann man auch weiter die nächsten Schritte angehen. Dass das bei jedem Menschen verschieden schnell läuft, versteht sich von selbst. Und dass Lehrende sowie Eltern darauf möglichst achten sollten, sowieso. Darüber hinaus kann man aber zusätzlich auf eine individuelle Flexibilität setzen, die einen auch in außergewöhnlichen Umständen weiterhilft. Und für manche Bereiche ist lästiges Auswendiglernen vielleicht hilfreicher, als man allgemein annimmt.




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